Marina and the Diamonds - Intro Interview: Fruchtcocktail Zartbitter

17.03.2015
MARINA AND THE DIAMONDS FOR INTRO MAGAZINE (german)

Marina Lambrini Diamandis verehrt wütende Indie-Frontfrauen und Rockbands – und macht Popmusik. Während sie sich 2012 als überdrehte Kaugummigörenkönigin inszenierte, zeigt sie auf »Froot« selbstbewusst ihre Songwriting-Qualitäten und erfindet einen elektronischen Obstgarten, in dem auch Gitarren Zutritt haben. Lena Ackermann traf Diamandis für uns in Berlin.

Wer ganz tief in Marina And The Diamonds’ »Froot«-Welt abtaucht, findet sich in einem fluoreszierenden Obstgarten wieder, wo »One Armed Bandit«-Kirschen die Granny-Smith-Plantagen ersetzen. Auf dem Titelsong des Albums flötet Marina Diamandis zunächst »Frohohohot« und schwenkt dann über zu einem koketten »Lalalalala«. Für den eigentlichen Text geht sie mehrere Oktaven tiefer und singt mit Fantasieakzent: »Hanging around like a fruit on a tree, waiting to be picked, come on cut me free.« Im dazugehörigen Video räkelt sich die Sängerin in einem glänzenden Seidennachthemd vor einer Schlafzimmertür, als sei sie eine Hollywood-Diva aus den 50ern; an ihrem Ohr baumelt eine glitzernde Ananas. Sehr viel deutlicher kann das Verführungsmotiv nicht mehr werden.

Der Interview-Raum des Berliner Hotels erinnert an ein Dosen-Fruchtcocktail der Marke »Sweet Valley«: Die Person der Stunde muss man genauso suchen wie die Kirschhälfte im Zuckersaft. Schwarze Möbel, dunkle Wände, schwere Vorhänge. Ganz hinten in der Ecke liegen große Sitzsäcke, dort stecken Marina Diamandis und ihre Assistentinnen die Köpfe zusammen. Auf einem Tisch vor den Frauenköpfen leuchtet ein angebissener Apfel. Aufgeregt tuscheln die drei, dann fallen sie sich in die Arme. Jetzt taucht Marina Diamandis aus der Sitzsackburg auf. Weil sie so grinst, sieht es aus, als bestehe ihr Gesicht ausschließlich aus dunkelrotem Lippenstift. Sie hat allen Grund zur Freude, schließlich hat sie gerade erfahren, dass ihre Single »I’m A Ruin« auf Platz zwei der amerikanischen Charts eingestiegen ist.  Die aktuelle Version von Marina And The Diamonds klingt nach Marina Diamandis’ Definition von Electro-Indie-Pop. Man erkennt Impulse von Lady Gaga bis La Roux, das Album beinhaltet Pop-Balladen und eingängige Nummern mit klugen Texten, griffigen Hooks, elektronischen Beats und echten Gitarren. »Ich wollte dieses Mal wie eine Band produziert werden, meinen Livesound auf das Album übertragen.

Als weiblicher Solokünstler wirst du meist nur zu einer Ko-Songwritingsession ermutigt, da schreiben dann Leute, die sich mit Pop oder Electro perfekt auskennen.

 

Im Gegensatz zum letzten Album hat Diamandis keine Ratschläge angenommen, sondern selbst entschieden, vor allem über ihren Sound. »Musikerinnen, die ich mag, wie PJ Harvey, Patti Smith, Shirley Manson oder Kate Bush, klingen, als hätten sie eine wirkliche Band hinter sich. Das wollte ich dieses Mal auch.« Nun liegt zwischen den genannten Damen und dem, was auf »Froot« zu hören ist, ein himmelweiter Unterschied. Aber Marina Diamandis ist eben eine Frau der Gegensätze. Sie wäre zartbitter, ginge es hier nicht um Obst, sondern um Schokoladensorten. Diamandis verehrt wütende Indie-Frontfrauen und Rockbands – und macht Popmusik. Sie singt davon, nie zuvor glücklicher gewesen zu sein als jetzt – und klingt dabei melancholisch. Wie einfach es ist, zwei Pole zu vereinen, merkt man, wenn sie strahlend über ihre Definition vom Glücklichsein spricht. »Glück ist vor allem deshalb so ein wunderbares Gefühl, weil es nicht für immer anhalten kann.«

Abgesehen von der verbindenden Obst-Idee, die sich in Optik und Release-Strategie widerspiegelt, wollte die Sängerin auf ihrem aktuellen Album weg von einem starren Leitmotiv. »Was die Songs auf ›Froot‹ betrifft, gibt es kein Konzept. Auch textlich hält kein roter Faden das Album zusammen. Abgesehen davon, dass ich mich besonders damit beschäftigt habe, was Menschen von einem universellen Gesichtspunkt aus verbinden kann.« Damit wären wir dann bei den ganz großen Themen: Unsterblichkeit, Glück, Grausamkeit. Dazu hat Diamandis Kluges zu sagen, aber wie es sich für ein wahres Pop-Album gehört, geht es auch auf »Froot« vor allem um die Liebe. 

Vor drei Jahren musste sie sich auf »Electra Heart« die Wut der Verlassenen von der Seele schreiben. Sie stürzte sich in Klischees, gab alles – von der divenhaften Zicke bis zur verruchten Hausfrau. Das Thema konnte sie jetzt wesentlich entspannter angehen: Dieses Mal hat sie sich getrennt, und deshalb stehen auf »Froot« die Zeichen auf Einsicht anstelle von Wut. Überhaupt ist von der überdrehten Kaugummigörenkönigin aus dem Jahr 2012 nichts mehr übrig. Electra Heart, ihr damals gewähltes Alter Ego, ist mausetot – verschieden an den Schlaftabletten, die Diamandis ihr irgendwann mal in den abendlichen Bubble-Tea gemixt hat. Dabei hätte Hearts polemische Abrechnung mit weiblichen Rollenbildern gut zum neu entdeckten Feminismus gepasst, den Lena Dunham gerade in »Girls« propagiert. Doch Diamandis erklärt: »Liebe hat nichts mit Feminismus zu tun. Jeder möchte geliebt werden, ich natürlich auch.« Und deshalb darf sie ihrer Sehnsucht nach einem Mann, der sich um sie kümmert, auch nachgeben.

In diesem Jahr wird die Musikerin 30 und hat damit, ganz im Sinne der »Girls«-Ästhetik, gar kein Problem: »Das finde ich überhaupt nicht schlimm. Ehrlich gesagt war die Hälfte meiner 20er scheiße, also gehe ich davon aus, dass meine 30er super werden. Ich habe jetzt viel mehr Kraft und Selbstbewusstsein, und ich weiß genau, was ich will.« Dichterin feministischer Hymnen und kein ferngesteuertes Pop-Abziehbildchen will sie sein. Dafür kann sie neben Songwriting dem Pop-Marketing einiges abgewinnen. Ihren Vinyls hat sie Duftproben beigelegt, und live darf man sich auf ein umgreifendes Spektakel gefasst machen. Unter anderem träumt Diamandis von einem Merchandise-Stand in Obstbudenform. Was das Spiel mit der Verführung angeht, kann sie mit ihrem »Froot«-Konzept tatsächlich aus den Vollen schöpfen.

Platt soll Diamandis’ Früchtchentraum aber keinesfalls wirken, und so verzichtet sie auf den exaltierten Carmen-Miranda-Hut, der so gut ins Konzept gepasst hätte. Stattdessen posiert sie im Inlay mit zwei Pfirsichen, die seit der Renaissance als Symbol für das Herz gelten. Wäre Marina Diamandis Lena Meyer-Landrut, hätte sie das ganze Fruchtspielchen unterlassen und einfach ein Herz aus ihren Händen geformt. Aber »I heart Froot« liegt weit unter ihrem Niveau.

By Lena Ackermann
Photo by Mustafah Abdulaziz
Source: intro.de

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